
Was wissen wir nicht (mehr) – und warum? Wann wird Nicht-Wissen zum politischen Werkzeug?
Mit diesen Fragen nähert sich das Projekt in der Bahnunterführung Undstraße/Schillerstraße der jüngeren Geschichte des Umfelds rund um die Eisenbahnbrücke in Krems.
Die Arbeit besteht aus einem perspektivisch verzerrten Schriftzug „Wen/was wir nicht (mehr) sehen können“, der erst beim Durchschreiten der Unterführung in seiner vollen Lesbarkeit erscheint.
Diese künstlerische Intervention macht Unsichtbares sichtbar und regt dazu an, den öffentlichen Raum nicht nur zu durchqueren, sondern auch kritisch zu befragen.
Geographische und historische Hintergründe
Seit 1614 prägt das Kloster „Claustrum ad Undam“ (Kloster zur Donauwelle), heute Kloster Und diesen Ort – damals direkt am Ufer der Donau gelegen. Der Schriftzug der Arbeit ist in Blau gehalten und nimmt Bezug auf diese Geschichte. Das Kloster steht zugleich für die lange Kontinuität religiöser und kultureller Präsenz im Gebiet.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Brücke liegt die Justizanstalt Stein, Österreichs größte Strafvollzugsanstalt. Vieles, was hier geschieht, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Sie wird so zu einem Sinnbild institutioneller Unsichtbarkeit – ein Gegenpol zu den Fragen nach Erinnerung, Wahrnehmung und Sichtbarkeit, die die künstlerische Arbeit stellt.

Kloster Und, Radierung um 1780

Zellengefängnis Stein, Radierung 1875


Arbeiterinnen und Kinderkrippe der Tabakfabrik Fotos: Herta Hurnaus, JTI Collection
1850 als Tabakfabrik erbaut, war der heutige Campus Krems nicht nur ein Ort industrieller Produktion, sondern auch Schauplatz von Arbeitskämpfen.
Eine überwiegend weibliche Belegschaft prägte den Betrieb, der durch damals außergewöhnliche soziale Strukturen auffiel: Fürsorgeleistungen, Badeanstalt, Betriebsarzt, Kinderstation, Betriebskrippe, Hort und Kantine – auch für Pensionist*innen. Auch der 12-Stunden-Tag wurde hier durch Streiks durchgesetzt.
Diese Modelle könnten bis heute als Vorbild dienen (selbstverständlich außer dem 12-Stunden-Tag), sind jedoch weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Die Annahme, dass Erwerbsarbeit von Frauen ein modernes Phänomen sei, zeigt, wie aktiv Vergessen produziert werden kann.
Agnotologie und künstlerische Umsetzung
Die Arbeit ist von der Agnotologie inspiriert – einer Forschungsrichtung, die untersucht, wie Unwissen kulturell erzeugt und aufrechterhalten wird.
Durch anamorphisches Malen wird dieses Prinzip sichtbar gemacht: Der Schriftzug erscheint verzerrt und wird erst aus einer bestimmten Perspektive verständlich. Wahrnehmung und Wissen sind somit immer an den Standpunkt gebunden.
Sprache, Perspektive und Farbe verbinden sich in dieser Arbeit zu einem Mittel, verborgene Geschichten ans Licht zu bringen – und fordern dazu auf, Erinnerung und gesellschaftliches Bewusstsein neu zu verhandeln.



